Warum neuland gefahrliches neusprech der kanzlerin ist

Warum #Neuland gefährliches Neusprech der Kanzlerin ist

Den ganzen Tag läuft Twitter schon mit #Neuland-Memes heiss und der Backlash ließ nicht lange auf sich warten. Am treffendsten hat den wohl Enno auf seinem Blog und Johannes Kuhn in der Süddeutschen formuliert. Die Leute wären arrogant oder spießig oder beides, natürlich wäre das Internet für viele „Neuland“ und überhaupt. Damit schreiben sie am Kern der Sache ein paar Meilen weit vorbei.

Frau Merkel betonte, das Internet sei ein „Neuland“, in dem sich Terroristen dessen Möglichkeiten bedienten. Sie verwendet das Wort „Neuland“ an dieser Stelle als Neologismus für den alten und lange widerlegten Spruch „Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein“, das neue Land als rechtsfreier Raum. Sollte das jemand anzweifeln wollen: Der Regierungssprecher betont auf Twitter noch einmal explizit den regulatorischen Hintergrund von Merkels Spruch:

Frau Merkel betont hier also, dass in Zeiten, in denen die NSA und der BND Eure und meine E-Mails lesen und auf unsere Grundrechte scheißen, in Zeiten in denen dubiose Agenturen und deren Anwälte Blogger in den Ruin abmahnen können, weil sie ein Ironman-Bildchen posten, in Zeiten in denen Kids tausende Euro bezahlen müssen für eine handvoll Songs einer BRAVO Kuschelrock-CD, die wir früher exakt genauso halbillegal auf dem Schulhof getauscht haben – dass also in solchen Zeiten dieser überregulierte Tummelplatz für Anwälte und Rechtsverdreher, Datenabgreifer und Spione noch nicht genug reguliert und „rechtspolitisches Neuland“ sei. Liebe Regierung, liebe Frau Merkel, lieber Herr Regierungssprecher, wollen sie mich vielleicht verarschen?

Die Dimensionen, die die PRISM-Affäre bezüglich des Bruchs unserer aller Grundrechte im Netz aufgezeigt hat, werden von dem Gefasel eines „Neulands“ ad absurdum geführt: Es ist ein „Neuland“, das bevölkert ist von Bürokraten, die es bereits tausendmal unter sich aufgeteilt haben. Und deshalb sind die Sprüche von Frau Merkel gefährliches Neusprech und Enno und die Süddeutsche liegen ein paar Kilometer daneben.

Ebenfalls zu diesem Aspekt der Meme:
Zeit.de: Die Kanzlerin von Neuland

Wer es weniger gut mit ihr meint, muss diesen Satz als dreisten Versuch des Schönredens ansehen: Das Internet ist Neuland für uns alle, da kann man ja auch mal bei der Überwachung desselben ein bisschen zu weit gehen – denn das ist es, was die Kanzlerin damit sagte. Als ob die jahrelange Überwachung durch einen ausländischen Geheimdienst damit irgendwie akzeptabler würde.

Man kann den Satz zudem als besonders bitteres Beispiel für die jahrelange Weigerung der Bundesregierung ansehen, sich konstruktiv mit der Technik auseinanderzusetzen.

I fixed shepard faires obama poster to fit prism also happy 64th george orwells 1984

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Ich habe heute jede Menge Sachen zum Überwachungsmonster PRISM gelesen, heute, am 64. Geburtstag von George Orwells 1984 (!), das am 8. Juni 1949 zum ersten mal veröffentlicht wurde. Und weil ich ja heute sehr viel Zeit hatte, da dank eines größeren Ausfalls bei Host Europe die Seite down war, habe ich Shepard Fairys Obama-Poster für das Jahr 2013 aktualisiert. Ich hab’ sogar ein Allsehendes Auge an Stelle von Obey Giants Signet in die linke untere Ecke gepackt, damit das auch wirklich stimmig ist. Hier das Original zum Vergleich, hier das Baby in HighRes. Der Post hier ist ein bisschen länger und hat am Ende jede Menge Links zum Thema, da sind auch jede Menge obskure Sachen dabei, wie PRISM-Designkritik und sowas.

Mark Zuckerberg und Larry Page streiten selbstverständlich alles ab, der eine auf Facebook, der andere auf Google Bloggingplattform, und beide benutzen auffällig gleiche Formulierungen. Von Anwälten glattgerührte, oberflächliche Ausflüchte oder anders formuliert: Bullshit. Von Techcrunch:

The New York Times says you knowingly participated in the NSA’s data monitoring program. In some cases, you were asked to create ”a locked mailbox and give the government the key”, to allow it to peer into private communications and web activity. Even if the exact words of your denials were accurate, they seemed to obscure the scope of your involvement with PRISM. Outlining as clearly as possible exactly what kind of data the government could attain would have gone a long way.

But you were probably cornered by Foreign Intelligence Surveillance Act restrictions about what you could say about PRISM. And in fact, you might have beeen subtly trying to fight back by asking the government for more transparency. When you decode Mark’s statement “We strongly encourage all governments to be much more transparent about all programs aimed at keeping the public safe”, I hear “Our hands are cuffed. Only the government can reveal that we participated. We wish they would.”

Und grade, wenn man sich eine Meinung gebildet hat und zum Schluss kommt, dass Direct Access zu den Servern der Datensammelmaschinen von Google bis Facebook wohl übertrieben ist [update: Ist wohl nicht übertrieben, eine vom Guardian heute veröffentlichte Präsentations-Seite widerspricht den Dementis von Google und Facebook: „Collection directly from servers“. There you have it.] , dafür aber sehr wohl ein formalisierter und automatisierter Prozess für juristische Anfragen eingerichtet wurde, als Portal oder API oder ähnliches…

…da packt der Guardian den nächsten Hammer drauf: Boundless Informant: the NSA’s secret tool to track global surveillance data und ein Liveblog haben sie auch gleich mit eingerichtet, da kommt wohl noch mehr. Da werden dann auch Zahlen genannt und Länder, in denen die NSA mitschnorchelt. Deutschland ist laut der Grafik dort im ungefähr selben Maßstab betroffen, wie die USA, und das von der NSA am meisten überwachte Land der EU. Fun!

The Guardian has acquired top-secret documents about the NSA datamining tool, called Boundless Informant, that details and even maps by country the voluminous amount of information it collects from computer and telephone networks. The focus of the internal NSA tool is on counting and categorizing the records of communications, known as metadata, rather than the content of an email or instant message.

The Boundless Informant documents show the agency collecting almost 3 billion pieces of intelligence from US computer networks over a 30-day period ending in March 2013. One document says it is designed to give NSA officials answers to questions like, “What type of coverage do we have on country X” in “near real-time by asking the SIGINT [signals intelligence] infrastructure.”

Und Slate titelt derweil ein bisschen polemisch, aber nicht unwahr: How PRISM could ruin Apple, Google, and every other big tech company. Das Kapital von Google und Facebook sind nämlich nicht wirklich unsere Daten, sondern vor allem unser Vertrauen. Mit PRISM könnten sie sich das in einer Breite verspielt haben, die möglicherweise über Nerd-Kreise hinausgeht.

These companies know that the only way for their businesses to work is if we don’t fixate on the potential dangers of the devices in our pockets. Facebook and Google are only viable, as business propositions, if we’re enthusiastic, optimistic participants in our own data-mining.

But PRISM changes that calculus. If tech giants really can’t stop the U.S. government from observing everything we do on their sites, it represents a giant hole in their assurances about our data. PRISM means that we can’t really trust these firms’ promises, and it may spark demand for alternatives. PRISM makes search engines like DuckDuckGo—which lets you search anonymously—more attractive. It sets up a market for encrypted email services, for apps that shut down location-tracking on your phone, for Web browsers and plug-ins that prevent you from being followed online. In the long run, these more private services might be less useful than the ones run by data-mining companies—they may not lead to self-driving cars—and they may cost more (if your phone’s operating system isn’t subsidized by ads, maybe you’ll pay a lot more for it) but it’s possible we’ll prefer that trade-off.

Und Michael Arrington schreibt auf, was alle denken: COWARDS.

If just one of them stood up and told us what’s really going on, as the EFF has urged, we could start to have a real discussion in this country about freedom v. security. Stand up, I say, and tell us about these FISA orders. Publish them all. Tell us everything. Let us understand the true scope of the evil we are facing. Because their lawyers might be telling them what they are required to do. But their soul should be telling them what they must do.

Will you do it, Marissa? Or you, Ballmer? Or you, Armstrong? Will anyone stand up and say the truth?

Nach dem Klick noch jede Menge Links zum Thema:

Guardian: NSA’s Prism surveillance program: how it works and what it can do
NYTimes: Tech Companies Concede to Surveillance Program
Gawker: A British Television Host Took the Photo Used in the NSA PRISM Logo
Yahoo: Big Brother’s appalling design skills
Gawker: The NSA Sent a Takedown Notice Over My Custom PRISM-Logo T-Shirts
The Composites: Julia, Nineteen Eighty-Four, George Orwell
Victoria Nece: PRISM PowerPoint Redesign
The Atlantic Wire: How Google and Facebook Cooperated with the NSA and PRISM
Digitale Gesellschaft: YES, WE SCAN – ÜBERWACHUNGS- UND DATENSCHUTZSKANDAL IN DEN USA BETRIFFT AUCH UNS
The Next Web: PRISM, trust and what we really want to believe
Quartz: The US government is surveilling Americans on the internet and building anti-surveillance technology for Iranians
Die Zeit: NSA-ÜBERWACHUNGSAFFÄRE: Wir brauchen mehr Whistleblower
Quartz: The NSA has tons of data, but where is it keeping it all?
Quartz: Why the NSA has access to 80% of online communication even if Google doesn’t have a “back door”

Und zum Schluss noch ein bisschen Spaß von Andy Baio: These Aren’t the PRISMs You’re Looking For.

I’m a little obsessed with the story that broke yesterday about PRISM, the NSA/FBI project to gather information from popular Internet services, including Facebook, Google, and Apple.

So, naturally, I’ve been doing a lot of digging about the story on *.gov websites. In the process, I realized that the U.S. government loves the “PRISM” acronym. There are literally dozens of projects and applications named PRISM at the state and federal level, many with delightfully goofy logos. Here are some of my favorites:

Panelist and Reviewer Information System: Database of prospective reviewers for The National Endowment for the Humanities

Parallel Research on Invariant Subspace Methods: Argonne National Laboratory project to develop infrastructure and algorithms for the parallel solution of eigenvalue problems

Pliocene Research, Interpretation and Synoptic Mapping: USGS project to understand global climate change

Happy 2013 everyone

Rutscht gut ins neue Jahr und trinkt zuviel und tanzt komplett beknackt zu schrecklicher Musik und wenn jemand heute Nacht zu Euch sagt, dass ihr irgendetwas Dummes tun sollt, dann tut es. Für mich. Happy New Year!

Blog abmahnungen fur lego kunst

So wie sich die Sache mittlerweile darstellt, fliegen hier grade ein paar Abmahnabzocker gehörig aufs Maul: „Ich hatte soeben einen kurzen Mailverkehr mit Nathan Sawaya und dieser teilt mir folgendes mit: ‘My fiance took the photo. My company owns it. We have not sold the rights to it. My lawyer is reviewing this matter. I am not represented by the German law firm who sent the letter. I am not represented by this photo agency. Please spread the word.“

Ursprüngliches Posting:

Die Jungs von We Like That wurden für ein paar Bilder der Arbeiten des Lego-„Künstlers“ Nathan Sawaya abgemahnt und ich persönlich kenne noch zwei weitere Blogger, einer davon ziemlich populär, die ebenfalls abgemahnt und mit Forderungen von mehreren tausend Euro überzogen wurden. Schade, dass die anderen beiden sich dazu entschieden, den Vorgang erstmal nicht zu veröffentlichen.

Ich hatte die Arbeiten von Sawaya vor fünf Jahren ebenfalls gebloggt, hier kam allerdings noch kein Wisch an und ich hab’ das Bild von damals vorsichtshalber mit einer CC-lizensierten Version ersetzt und zu einem Goatse-Ausschnitt beschnitten, dafür können sie’s gerne versuchen, wäre dann eine spaßige Auseinandersetzung und ich bin derzeit ohnehin streitlustig weil krank und schlecht gelaunt, aber wie auch immer:

Offensichtlich ist es so, dass eine Bildagentur die Rechte an den Fotografien eingekauft hat und nun Blogs abmahnt, deren Beiträge seit mehreren Jahren unbeanstandet und durchaus auch mit Aufmunterung des „Künstlers“ selbst, der auf Twitter regelmäßig Blogpostings mit seinen Arbeiten promotet und zwar zurecht, seine weltweite popularität basiert nicht zuletzt auf Blogpostings über seine Arbeiten. Der Zynismus, die Ironie dahinter wirklich lustig zu finden, fehlt mir gottseidank.

Ich weiß, dass mittlerweile Mails an den Mann geschrieben werden und hoffe sehr, dass Herr Sawaya – übrigens pikanterweise selbst ehemaliger Jurist – seine deutsche Vertretung zurückpfeift. Übrigens: Die Website Sawayas sieht in ihren Terms Of Service vor, dass man Content hochladen kann, Fotos einer Ausstellung etwa. Sawaya gewährt man mit dem Upload weltweite Lizenzrechte an diesem Bild: „By submitting Content to Brickartist.com or the Owner for inclusion on the Website, you grant Brickartist.com and Owner a world-wide, royalty-free, and non-exclusive license to reproduce, modify, adapt and publish the Content solely for the purpose of displaying, distributing and promoting your content“.

In der Theorie ist es also durchaus möglich, dass ein deutscher Blogger auf Sawayas Website ein Bild hochlädt, die Rechte dafür von der deutschen Bildagentur gekauft werden und der Urheber für sein eigenes Bild abgemahnt wird. Irre! [update] Der letzte Satz stimmt nicht, die Lizenzrechte sind non-exklusiv und die Nutzung klar definiert, ein Weiterverkauf der Bilder ist nicht vorgesehen. Dennoch kann der „Künstler“ theoretisch mit Bildern eines Uploaders werben, dessen Blog gleichzeitig wegen Sawayas Bildern abgemahnt wurde. Irre!

ABMAHNUNG: JETZT HATS UNS AUCH ERWISCHT (Bild: Goatse-cropped, CC-lizensiert: Yellow von David Guthrie)

[update] Mehr Infos bei AmyPink, die Abmahnungen kommen von der Firma hgm-press Michel OHG, einer Bildagentur, die sich auf Gossip-Bildchen spezialisiert hat, durch die Kanzelei activeLAW, die auch mal Abmahnungen für 19.000 Euro verschickt, um sie ein paar Tage später zurückziehen zu müssen.