Kick Ass

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Bevor wir mit den wirklich wichtigen Dingen bezüglich „Kick Ass“ beginnen (hier die noch ein paar weitere Reviews bei den Filmfreunden), lasst mich erstmal das Offensichtliche aus dem Weg räumen: „Kick Ass“ totally kicks ass. Der Film macht sehr viel Spaß, ist wahrscheinlich eine der besten Comic-Verfilmungen, ever (zusammen mit Iron Man, Dark Knight und Sin City) und hat einiges an WTF-Momenten zu bieten. Having said that: Kick Ass hätte so viel mehr sein können. Aber das erschließt sich nur, wenn man genauer hinschaut und die Vorlage kennt.

Ich hatte mir das Comic vor ein paar Wochen gekauft und an einem Stück durchgelesen. Fantastisch, vielschichtige Charaktere, Meta-Meta-Ebenen, sehr viel Psychologie und all das gepaart mit einer Coming-Of-Age-Story. John Hughes meets Batman featuring a shitload of violence und das dann noch obendrein aus dieser gar nicht mehr so neumodischen Authentizitäts-Perspektive. All das zeigt auch der Film, bis auf die vielschichtigen Charaktere und genau hierin liegt mein Problem mit dem Film.

Dave Lizewski ist Kick Ass, ein gewöhnlicher Nerd, nicht schräg genug, um wirklich gemobbt zu werden, nicht mainstream genug, um beliebt zu sein. Ein komplett durchschnittlicher Typ (wie Du und ich), der auf die Idee kommt, sich ein Superheldenkostüm anzuziehen und dann Retter der Menschheit zu spielen (eine Idee übrigens, die auf der Realität basiert: 1, 2). Kick Ass wird bei seinem ersten Einsatz zusammengekloppt, rappelt sich auf, macht weiter und er wird eine Berühmtheit im Netz, woraufhin Hit Girls und ihr Vater auf ihn aufmerksam werden. Ab hier kämpfen Kick Ass und Hit Girl gegen die Mafia, es gibt ein Zwischenspiel mit Red Mist (McLovin’, der Sohn des Mafia-Bosses) und schließlich ein Happy End. Soviel haben Comic und Film gemeinsam, leider erzählt der Film nichts vom in der Vorlage vorhandenen Subtext.

Im Comic sind alle Figuren Loser. Als Kick Ass seiner heimlichen Liebe gesteht, dass er nicht schwul ist, kriegt er enorm auf’s Maul und sieht sie nie wieder. Im Film fickt er sie. Im Comic schleppen Big Daddy und Hit Girl eine geheime Kiste voller Comics mit sich rum, ihr Pendant zu Tarantinos goldenem Koffer aus Pulp Fiction. Die Seele von Marsellus Wallace. Diese Kiste taucht im Film nie auf. Ganz zentrale Storylines werden im Film nicht aufgegriffen. Aber gut, ich bin hier wahrscheinlich wirklich ein zu großer Korinthenkacker, obwohl ich finde, dass die Charakterzeichnung im Film genau aus diesen Gründen mangelhaft ist. Aber das sind Peanuts gegen das noch ein viel größere Problem, das ich mit dem Film habe: Die Gewalt.

Das Comic beinhaltet Gewalt und das en masse und wer dieses Blog ‘ne Weile liest, sollte wissen, dass ich mit Gewalt in Medien eher kein Problem habe. Ich habe aber ein Problem damit, 11jährige Mädchen beim Köpfespalten abzubilden. Im Comic geht selbiges noch in Ordnung, denn ein Comic erfordert schon aufgrund seiner Narrationsform Abstraktionsvermögen. Ein Film erfordert genau das nicht. Ein Film liefert Bilder, in diesem Fall fotorealistische Bilder hiervon: Hit Girl zerquetscht einen Menschen in einer Auto-Zerkleinerungs-Dingsanlage – man sieht das, zwar nicht wirklich explizit und aus einer Totalen, aber das Blut spritzt sehr! – und sagt danach „What a douche“. Hit Girl grinst während ihrer ersten Action-Sequenz nach jedem Akt der Tötung in die Kamera und schreit einem dabei ins Gesicht: „Schau mich an, ich bin so fucking provozierend.“

Ja, damit habe ich ein Problem, ein sehr großes sogar: Ich will keine 11jährige beim Köpfespalten sehen und leider inszeniert der Film genau diese Stellen (nicht zuletzt dank der Soundtrack-Auswahl und seiner Tonalität) als zentrale Szenen. Der Film zeigt die Anti-Helden aus dem Comic als Helden, inklusive Jetpack (der im Comic nie vorkommt). Er dekonstruiert sich quasi selbst, obwohl er das eigentlich nie nötig hätte. Würde sich der Film etwas mehr am Comic orientieren, jeez, was hätte daraus für ein guter Film werden können. So aber ist Kick Ass „nur“ ein Film über die Begegnung eines Menschen mit Hit Girl, im Film ein scheinbar übermenschliches Kind-Wesen.

Tatsächlich aber ist Hit Girl im Film ganz genau wie der Zwerg in Nicholas Roegs „Don’t look now“: eine auf ihre Gewalt und Symbolik reduzierte Kinderfigur, die allerdings nicht so verhandelt wird, sondern mit Punk-Soundtrack plus Fun sowas wie Sympathie einfordert, als wäre sie in der Handlung ein mehrschichtiger Charakter. Das ist sie aber nicht und nein, das ist nicht okay.

Am Ende des Comics ist Hit Girl (und Kick Ass) eine gebrochene Figur, die ihren Vater verloren hat und sich dessen „ungewöhnlicher“ Erziehungsmethoden und den psychologischen Implikationen von beidem einigermaßen bewusst ist. Im Comic ist Hit Girl ein traumatisiertes Mädchen und sie sagt „Would you give me a hug? My Daddy just died.“ Davon ist im Film nichts zu finden, aber am Ende des Films kickt Hit Girl immerhin weiter ein paar Ärsche. Mir reicht das nicht.

Darüber hinaus gibt es bei Superhelden-Comics eine Regel, die sowohl Mark Millar in seiner Vorlage als auch der Film vergessen hat: Superheroes do not kill people. Aber hier bin ich wohl auch nur der korinthenkackende Nerd und wahrscheinlich werde ich einfach nur alt. „Kick Ass“ ist zwar gut, bleibt hinter seinen Möglichkeiten aber leider meilenweit zurück. Das ist schade. Sehr.

Der aus all diesen Gründen leider nur okaye Film zum fantastischen Comic lässt sich wohl sehr genau mit einer seiner Marketing-Oneliners subsumieren: „With no power comes no responsibility“. Eine Zeile, die im Comic nie auftaucht. Wohl aus diesem guten Grund: Es ist eine Lüge.

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Hier der Trailer:

(Dennoch: Ein Film, den man als Comic-Freund unbedingt gesehen haben muss und ich finde Kick Ass als Film auch durchaus gut, aber er hätte so so so so so viel besser sein können.)