Craig Thompsons „Habibi“ – Review

tl;dr: Übergorgeous Work of Art. Read this. Seriously.

Der Reprodukt-Verlag hat mir vor einer Woche Craig Thompsons Habibi geschickt und ich hab’s am Wochenende praktisch in einem Rutsch durchgelesen. Das Buch ist 660 Seiten dick, ein Wälzer und für Comic-Verhältnisse ein Mammut-Werk. Und es sieht fantastisch aus, nicht weniger und viel mehr geht nicht. Habibi ist das dieses Jahr vielleicht das Comic, auf dem die größten Erwartungen liegen und zum ganz großen Teil erfüllt Thompson diese.

Habibi erzählt die Geschichte von Dodola und Zam. Sie wird als Kind einem Kaligrafen verkauft, der ihr Lesen und Schreiben beibringt und dem sie als Sklavin und Ehefrau dienen muss. Als Räuber sein Haus überfallen, schneiden sie dem Mann die Kehle durch und entführen Dodola. In der Gefangenschaft findet sie ein schwarzes Kleinkind im Lager der Räuber, das grade umgebracht werden soll. Dodola gibt sich als die Mutter aus, das Kind wird verschont und so trifft sie Zam. Sie flüchtet zusammen mit ihm aus dem Lager in die Wüste und lebt mit ihm dort fortan in einem verlassenen Boot, während sie ihren Körper an die vorbeiziehenden Kaufleute der Karawanen gegen Essen verkauft, Zam besorgt das Wasser. So leben sie neun Jahre lang zusammen, während sie ihm beibringt, wie man liest und wie man schreibt und warum sich Menschen gerne Geschichten erzählen.

Schließlich wird sie erneut entführt und landet im Harem des Sultans, während Zam kurz vor seinem Hungertod bei den Eunuchen des nächsten Dorfes landet, wo er sich selbst verstümmeln lässt und schließlich nach Jahren als Diener im Harem des selben Sultans landet. Wer Märchen kennt, weiß wie es weitergeht, allerdings liegt die Kraft dieser Story nicht in der gar nicht mal so herkömmlichen Love-Story, die diese Geschichte eigentlich ist.

Die Narration von Craig Thompson in Habibi ist schierer Wahnsinn. Die Narration mäandert von reinem Storytelling zu Einführung in arabische Kaligraphie zu Rückblenden, von dort zu Einschüben aus islamischer und christlicher Mythologie zurück zur Schriftlehre und Linguistik hin zu Zahlenrätseln, Anatomie-Lehre, Sexualkunde (!) und von dort wird die Geschichte weitererzählt. Die Story ist höchst komplex verwoben, voller Metaphorik und Thompson steigert sich im Verlauf des Buchs in einen rauschartigen Bilderwahn, der fast nicht zu beschreiben ist. Schwache Zeichnungen gibt es hier nicht, es gibt nur tolle Seiten bis hin zu Seiten, die tatsächlich so prunkvoll und üppig vor einem liegen, dass man sich minutenlang alleine mit ihnen beschäftigen kann.

Dazu kommen Sprache und Dialoge, Habibi ist Lyrik, durchsetzt von einem dermaßen leichten Humor, dass ich an mehreren Stellen im Buch laut lachen musste, etwa wenn Noah während der Story von der Arche seiner Frau den Zutritt zu eben jener verwehrt und schließlich alleine auf dem Bett sitzt und denkt „Wer braucht die schon“, im nächsten Panel auf dem Deck der Arche ruft Noah seiner halb in der Flut stehenden Frau zu: „Hätteste mal besser an Gott geglaubt!“
Zam fragt ungläubig nach, ob Noah nun seine Frau im Regen stehen ließe und im nächsten Panel wird sie doch noch von Noah eingelassen. „Kleiner Scherz, komm’ rein.“ Solche Stellen gibt es oft, ein fast naiver Humor im Umgang mit tief verwurzelten Mythen der islamischen und christlichen Kultur. Aber es ist natürlich nicht nur Humor.

Habibi nimmt kein Blatt vor den Mund. Zam schläft schonmal in Scheiße, mythologische Figuren schneiden sich Brüste ab, als ein Bibliothekar geköpft wird, weil er Dodola lesen ließ, spielen die Wachen mit seinem Kopf wortwörtlich Fußball. Als Dodola erbärmlich erkrankt, schießt ihr die Soße oben und unten raus, gottseidank nur als Silhouette. Diese komplette Darstellung von dem, was menschlich ist, ist eine der Stärken von Habibi: Liebe, Sex, Tod, Drogen, Scheiße, Blut, Hunger, Prunk und Reichtum und immer wieder Träume, Bildung, Mythos und Schrift.

Damit nicht genug: Circa ab der Hälfte schreitet die Umgebung, in der die Handlung spielt, immer weiter in die Zukunft. Zunächst spielt alles im mittelalterlichen Orient, in dem auf einmal ein Autoreifen zu sehen ist, dann eine Ölpipeline, schließlich landet man (tatsächlich) in einer nachsintflutlichen steampunk-ähnlichen Version des Kaffs, der direkt aus Waterworld entsprungen sein könnte. Am Ende spielt alles in einer modernen Stadt, wir sind im Heute angekommen. Ganz große Kunst, und hier kommt meine einzige Kritik am Buch:

Die Kunst ist grade zum Ende hin doch oft sehr verkopft und oft sehr schwermütig, da macht sich dann auch an einer Stelle seitenweise die Lyrik breit. Versteht mich nicht falsch, ich stehe selber manchmal auf die güldene Fülle des Spiels mit dem geschriebenen Wort, aber Thompson übertreibts hintenraus dann doch etwas mit dem Arthousecomiczeichnen. Und die mythologischen Strecken sind ebenfalls oft eher anstrengend, sehen dafür aber grandios aus.

Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Habibi nichts anderes als ein Meisterwerk ist und eins steht definitiv fest: Jeder, für den Comics mehr sind als Superhelden in Spandexanzügen, kommt an Habibi nicht vorbei. Alleine deshalb schon: Must Have.

Amazon-Partnerlink: Craig Thompson – Habibi

Mehr Reviews:
Tagesspiegel: Graphic Novel – Tausendundeine Pracht: „Craig Thompson erweist sich in „Habibi“ als grandioser Erzähler und leidenschaftlicher Zeichner. Mit Bild und Text eröffnet er ständig neue Ebenen der Erzählung. Er verbindet das Schicksal der Erzählung um Zam und Dodola mit den religiösen Überlieferungen aus dem Koran und der Bibel und lässt die verzaubernden Mythen aus Tausendundeiner Nacht mit einfließen. Auf diese Weise bringt er seinen Lesern die arabische Philosophie und Kultur nahe, führt sie an die gemeinsamen mythologischen Wurzeln der abrahamitischen Religionen Christentum und Islam heran und unterweist sie quasi nebenbei in der Kunst der Kalligrafie und Verzierung.“

The Harvard Crimson: ‘Habibi’ Gracefully Subverts Orientalist Tropes: „Thompson’s style, like his syncretic narrative, takes full advantage of the Islamic tradition of calligraphic and geometric design, blending Arabic imagery with his trademark fluid Western inking. It appears that Thompson is inspired by the masterful layout work of Will Eisner and his long-held love for Franco-Belgian comics. His intricate tale follows a rigid structure: using an Arab North African talisman, which Thompson compares to Sudoku, as the book’s framework, he divides “Habibi” into nine chapters, each with its own number, Arabic letter, and distinct visual design. This strict organization is also reflected in his frequent use of arabesques that merge and contrast with his characters’ bodies, an unusual juxtaposition of the sacred and profane, since artistic representation of bodies is considered a sin in Islam.“

Guardian: Habibi by Craig Thompson – This is an obsessive orgy of art, set in a timeless Middle East: „Thompson, raised in the American heartlands where anti-Arab sentiment is endemic, uses this book to emphasise the shared heritage of Islam and Christianity. Biblical stories are gorgeously depicted in their Koranic versions. The book also serves as an anti-capitalist cri de coeur. Its contemporary reality is God-forsaken, ruled instead by supply and demand. Everything is a transaction. When Zam hawks water in a town choked by sewage, a dying man protests: “You can’t sell water. It is from God.” Zam points at the muck swilling around the man’s shoes and retorts “THAT water is from God. If you want some that’s drinkable, it comes from me.” Later, Zam finds work at a water bottling plant, enriching multinationals while dispossessed villagers are literally “drowning in shit”.“

NPR: Mysterious ‘Habibi’ Cuts To The Core Of Humanity: „Habibi is a complex and multifaceted work of fiction that lingers in the memory. Once you finish it, you will be left with the distinct feeling that it hasn’t finished with you, that it is a book you could read again in a year or a decade and have it speak to you in a new voice each time, offering up new connections you were not previously able to see.“

Ein paar weitere Panels nach dem Klick, weitere Previews beim Guernica Mag, auf der Website des Verlags und The Beat, hier die Website zum Buch mit der Galerie zum Zeichenprozess, die ich schonmal vor einer Weile verlinkt hatte.