Inside Syria: Letters from Aleppo (1)

Am Freitag traf ich mich mit Just (hier auf Facebook), den man eigentlich als bekannten Berliner Streetart-Fotografen kennt. Wir schmiedeten Pläne für die Zukunft und gingen danach zusammen in den Hobbit. An diesem Abend hatte er mir erzählt, dass er am Wochenende mit einem weiteren Fotografen über die Türkei versuchen wird, nach Syrien zu gelangen, um dort zu fotografieren. Angesichts der Nachrichtenlage (Chemiewaffen, Brandbomben und überhaupt) hab’ ich ihm dringend davon abgeraten, aber jetzt ist er dort und schickt mir immer wenn es passt Augenzeugenberichte und Eindrücke aus dem Bürgerkrieg. Ich werde die Texte hier unverändert veröffentlichen, auf Flickr sammle ich die Bilder (unbearbeitete Screenshots), die mir der Mann zu seinen Berichten schickt, hier der erste Teil:

Hi René,

ich schreibe dir aus dem Office des AMC (Aleppo Media Center), einem alten und jetzt besetzen Science Center (mehr weiss ich nicht). Unser Zimmer ist im zweiten Obergeschoss, aber nur hier unten gibt es Strom, von dem Generator, der im Hof vor sich hin brummt. Vor 3 Tagen wurde Teilen der Stadt der Strom abgestellt und auch fliessendes Wasser gibt es keins mehr. In dem Buero nebenan wird laut auf arabisch gesprochen und ab und an rauscht der Sicherheitsposten oben von der Srasse laut durchs Walkie Talkie. Das Internet schwankt, nebenan werden gerade die Clips von heute auf Youtube geladen (AMC-Channel).

Hier angekommen sind wir (der Fotograf Thomas Rassloff (Rossi) und ich) vor ein paar Stunden. Gestern waren wir noch in Kilis in der Tuerkei, wo wir in einem runtergekommenden Hotel uebernachtet haben und heute morgen mit einem Taxi an die syrische Grenze gefahren sind.

Seitdem ich mich dazu entschieden hatte hier her zu fahren hatte ich ein mulmiges Gefuehl – irgendetwas zwischen Spannung und Angst. Meine Erwartungen an diese Reise waren diffus. Ein Mix aus Bildern die ich aus den Nachrichten kenne, Geschichten von in Deutschland lebenden syrischen Freunden die den Geheimdienst fuehrchten und von unterirdischen Foltergefaengnissen erzaehlen. Dazu Infos aus alten Reisefuehrern, die eine Tourie-freundliche Stadt versichern.

Die Ausreise aus der Tuerkei war easy. Danach erwartete uns ein circa 2 Kilometer langer, mit Stacheldraht gesaeumter Korridor aus hohen Metallwaenden. Es ist staubig und leer. Dann der von der FSA (Free Syrian Armee) kontrollierte syrische Grenzuebergang. Ich sehe zum ersten Mal Gewehre und Maenner in Tarnfleckkleidung. Wir betreten das Grenzhaeusschen. Unsere Paesse werden kontrolliert, unsere Namen im Computer eingegeben. Spaeter erfahren wir, dass es schwarze Listen gegen unliebsame Journalisten gibt. Auch die FSA hat dazu gelernt und laesst nicht mehr alles so leicht dokumentieren – und stetig wird die auslaendische Presse gelesen und sich Namen notiert. Wieder auf der Strasse stossen wir auf einen Mini-Bus vor dem schon 2 weitere westliche Journalisten warten. Mit ihnen werden wir den restlichen Tag verbringen und spaeter hier im AMC einchecken (Victor Breiner, ein junger freier Fotograf und Peter Steinbach, ca mitte 50, der u.a.fuer die Welt schreibt).

Rossi kennt den Fahrer von seinem letzten Besuch hier in Syrien. Es wird sich freudig begruesst. Es gibt nur eine handvoll Fahrer hier die sich auf das Einschleusen von Journalisten spezielisiert haben. Die Fahrer kennen die Strassen, Doerfer und was am wichtigsten ist: die vielen kleinen Sicherheitsposten entlang der Strecke nach Aleppo, die meist aus ein paar bewaffneten Jugendlichen bestehen und Bergen aus Schutt die nur langsam umfahren werden koennen. Wir steigen ein, fahren aber nur ein paar hundert Meter und finden uns in einem Fluechtlingslager aus hunderten weissen Zelten wieder. Der Fahrer verschwindet kurz um keine Ahnung was zu erledigen. Wir sind umringt von Kindern die aus dreckigen Platikkoerben gebastelte Bauchlaeden vor sich her tragen. Sie verkaufen Schokoriegel. Nach ein paar Minuten gehts weiter.

Der Fahrer ist sehr sympatisch und unterstuetzt Journalisten seit Beginn des Aufstands, teilweise auch mit Unterkunft in seinem Haus, in einem kleinen nahegelegenen Dorf, welches wir als naechstes kurz anfahren. Hier steigt eine niederlaendische Journalistin dazu. Sie traegt ein Kopftuch und sprudelt vor Informationen. Sie erzaehlt von Gefechten um eine Militaerschule nahe dem Ort Muslimiyah, welches auf halber Strecke nach Aleppo liegt. Die Schlacht geht schon seit 3 Wochen, soll aber jede Stunde ein Ende zugunsten der FSA finden. Natuerlich fahren wir sofort dorthin. Die Journalistin sagt sie schreibt fuer ein belgisches Magazin, welches dem deutschen Spiegel nahe kommt.

Auch wenn Aleppo nicht weit von der Grenze entfernt liegt, fahren wir gut eine Stunde durch staubiges Land voller knorriger Baeume und vereinzelnter Haueser. Ich sitze hinter Victor und sehe, dass an seiner Schutzweste ein “A Negative”-Batch sitzt. Meine Schutzweste ist im Rucksack. Aber keine Ahnung was meine Blutgruppe ist. Es wird ueber die verschiedenen Unterkuenfte in Aleppo geredet und wie schlecht das Internet ueberall ist – man koenne kaum ein Bild hochladen. Das beste Internet und die komfortabelsten Zimmer zu moderaten Preisen gibt es im AMC, welches mitten in der Stadt, jedoch etwas isoliert liegt. “Leicht zu bombadieren”, fuegt Peter hinzu. Hier dreht sich alles um Kontakte merke ich. Ich habe (ausser Rossi) keine davon. Die Niederlaenderin redet erregt von vergangenen Gefechten. Entlang der Strecke tauchen immer wieder kleine Benzin-, Zigaretten-, oder (verstaubte) Obststaende auf. Das einzig “richtige” geoeffnete Geschaft das ich in einem der Doerfer sehe verkauft Generatoren.

Immer wieder halten wir an den kleinen Sicherheitsposten (meist an Dorfein- und ausgaengen). Wir bekommen aktuelle Informationen ueber das naechste Teilstueck unserer Strecke. Alles sicher. Aber die Schule soll schon eingenommen worden sein. Enttaeuschung macht sich breit. Der Mini-Bus faehrt schneller.

Wir kommen an und halten vor den Toren der eingenommenen Militaer-Schule. Die Mauern zieren Wandbilder von Generaelen und auch ein Bild von Bashar al-Assad ist dabei. Alle Bilder sind zerschossen. Wir steigen aus. Vor den Toren tummeln sich FSA-Kaempfer. Sie sehen erschoefpt aus, aber auch erleichtert ueber den Sieg. Jeder hier traegt AK´s. Einer kommt vom Inneren die Strasse runter und haelt die Schulterabzeichen einer Militaeruniform in die Hohe. Sie traegt 4 Sterne und andere Zeichen. Vermutlich die Abzeichen des gefallenen Generals der Schule. Es wird gescherzt und er versucht sich die Abzeichen an seine Schultern zu stecken. Eines wird ihm entrissen worauf hin er sich beschwert und den Dieb sucht. Er haelt sein Gewehr in die Hoehe und schiesst. Ich hoere zum ersten mal in meinem Leben einen Gewehschuss aus naechster Naehe (ich war artiger Zivi). Alle lachen, guter Witz – er bekommt sein Abzeichen nicht wieder. Unser Fahrer freut sich und belaesst das Abzeichen in seiner hinteren Hosentasche.

Wir unterhalten uns mit den Kaempfern, wollen die Leichen sehen und Fotos machen, aber wir werden nicht weiter in das Areal gelassen. Immer wieder fahren Autos auf das Gelaende und Autos die vollgepackt mit militaerischer Ausruestung sind verlassen es. Schnell wird in Sicherheit gebracht was in Sicherheit gebracht werden muss. Trotzdem wird jedes Auto bei der Ausfahrt kontrolliert. Es scheint wohl etwas chaotisch zu sein alles. Dann passiert es: aus dem Nichts ertoent der Sound eines Kampfflugzeuges; binnen 2 Sekunden wird es ohrenbetaeubend laut, alle erstarren, ducken sich! Bis zu der folgenden Explosion, einer ein paar Meter weiter einschlagenden Bombe, war keine Moeglichkeit zu handeln. Ich kann nicht beschreiben wie es sich anfuehlt aus der Luft bombadiert zu werden. Das krasseste war das ich das Flugzeug nicht gesehen oder gehoert habe und keiner einschaetzen konnte, ob nicht ein zweites Flugzeug gleich hinterherkommt, das seine Bomben wer weiss wo einschlagen laesst. Jetzt ist alles in Bewegung, ich habe keine Ahnung wohin und orientiere mich an anderen. Unser Fahrer rennt zum Mini-Bus, steigt ein und schreit unserem Team zu wir sollen kommen. Hundert Sachen passieren gleichzeitig und ich frage mich wie es wohl ist weggesprengt zu werden und hoffe wenn schon, dann gleich tot zu sein. Ich ueberlege ob es eine gute Idee ist, jetzt mit einem vollgepackten Auto weg zu fahren – bietet das nicht ein gutes Ziel? Scheiss drauf, rein in den Wagen. Ich halte nach Rossi Ausschau und sehe ihn an einer Mauer Schutz suchend und schreie seinen Namen. Der Bus rollt schon, er kommt und wir fahren los.

Der Bus ist voll, alle liegen aufeinander und alle lachen! Wir alle sind erleichtert! Der Bus faehrt schnell und schlingernd davon. Zum naechsten kleinen Dorf, an dem wir halten, aussteigen. Nach dem Schreck macht sich Euphorie breit. Alle reden durcheinander. Wir hoeren einen weiteren Einschlag (Ich weiss bis jetzt noch nicht wie ich mich fuehle. Ich schlafe mal eine Nacht und lasse die Geschehnisse morgen Revue passieren).

Ich ziehe jetzt meine Weste an. Und auch den Helm packe ich aus.

Weil uns unser Fahrer wieder alleine laesst um andere von der Schule zu holen, warten wir an dem kleinen Haeusschen in der Dorf. Wir chatten mit anderen. Als unser Fahrer nach einer Stunde noch nicht da ist, entschliessen wir uns mit einem anderen Mini-Bus die 10 Minuten zur Schule zurueck zu fahren. Schliesslich sind die Haelfte unserer Sachen nicht bei uns. Ausserdem sind wir neugierig wie es dort jetzt aussieht. Die anderen spekulieren, ob sie jetzt das Areal besichtigen koennen. Ich weiss nicht Recht ob ich die Idee mag zur Schule zurueck zu fahren und als wir dort ankommen, bleibe ich ersteinmal vor dem Tor und schaue mich in der Gegend um. Auf dem Acker gegenueber sehe ich eine Herde erschossener Kuehe. Alle von Assad-Leuten getoetet, damit sie nicht den Rebellen in die Haende fallen (denke ich mir). Ich finde ein Loch im Zaun, quetsche mich hindurch und zerreise dabei meine Jacke. Ich gehe langsam auf die grossen Tiere zu, die etwa 100 Meter entfernt grotest ihre Beine in die Luft strecken. Irgendwie habe ich keine Lust auf Leichen. Auch nicht auf die von erschossenen Kuehen. Ich bleibe stehen und atme durch. Mache ein Foto aus der Entfernung und stolper den Acker zurueck.

Unser Fahrer kommt mit unseren Taschen. Wir (Rossi, Victor und Peter) steigen ein und lassen uns nach Aleppo zum AMC bringen. Auf dem Weg trinken wir am Strassenrand wo es langsam staedtisch wird einen Kaffee. Die Fahrt hat uns vieren von der Grenze bis hierhin jeweils 50 USD gekostet. Am AMC werden wir freundlich empfangen und ich verabschiede mich von unserem Fahrer, der mir seine Nummer und Facebook-Profil aufschreibt, damit ich mich melden kann wenn ich die Tage zurueck nach Kilis will. Mein erster Kontakt in Syrien.

Im AMC fuellen wir Formulare aus und lassen uns das Haus und Struktur erklaeren. Schlafplatz und Internet kosten 50 $ die Nacht, einen Fahrer, der einen hinbringt wo man in der Stadt hin will nochmal 50 $ am Tag. An der Wand hier haengt ein Google-Maps-Ausdruck von ALeppo auf dem die befreiten Gebiete markiert sind. Sie teilen sich ungefaer die Haelfte mit denen, die noch in den Haenden des Assad-Regimes sind. In der Ferne hoert man unregelmaessige Explosionen. Wahrscheinlich vom Flughafen der gerad staerker umkaempft ist.
Jetzt sitze ich hier am Rechner, wie die andern. Gleich frage ich nach einem Feuerzeug um die Kerzenstummel bei uns im Zimmer anzuzuenden, damit ich meinen Schlafsack finde und mich langsam pennen legen kann.

Mal sehen was morgen passiert. Jeder Journalist der nach Aleppo kommt, kommt fuer eine STory; die wird dann in 2 bis 3 Tagen gemacht und dann gehts schnell wieder raus. Wirklich lange bleibt hier keiner. Mein Rueckflug geht in 8 Tagen, aber vllt gehts frueher zurueck in die Tuerkei in irgendeinem Hotel zum chillen.

Ich schreib bald wieder wenn es was gibt.
Ansonsten sehen wir uns in Berlin.