„Say hello to Germany for me“: Letters from Aleppo (2)

Just (hier auf Facebook), ein Fotograf aus Berlin, vor allem bekannt für seine Streetart-Dokumentationen, ist am Wochenende mit einem weiteren Fotografen über die Türkei nach Syrien gefahren und schickt mir immer wenn es passt Augenzeugenberichte und Eindrücke aus dem Bürgerkrieg. Ich werde die Texte hier (abgesehen von Tippfehlern und Umlauten) unverändert veröffentlichen, auf Flickr sammle ich die Bilder (unbearbeitete Screenshots), die mir der Mann zu seinen Berichten schickt, Teil 1 war hier: Inside Syria, hier der zweite Teil:

Hey. Ich hatte gestern schon angefangen Neues aufzuschrieben, aber die Ereignisse überschlagen sich. Ich weiss nicht, ob ich selbst verarbeiten kann, was hier abgeht, geschweige denn, ob ich die Eindrücke irgendwie sinnbringend in einen Text fassen kann. Ich bin aufgewühlt. Es ist jetzt dunkel und wir sitzen wieder im Buero des AMCs. Es ist kalt, aber zumindest haben die Leute hier gerad den Generator zum laufen gebracht, damit Licht und der Router fürs Satelliten-Internet funktioniert.

Heute war ich in der (ich nenne es:) Hölle, und es war nicht die Frontline mit frisch Verwundeten und Toten. Ich begreife ein bisschen, was Krieg bedeutet und ich wette, wenn ich es mehr und mehr kapiere, dass ich noch durchdrehe. Zu der Hölle, die eine von allen Ärzten verlassene Bilderbuch-Psychiatrie nahe der innerstädtischen Frontlinie ist, komme ich später. Ich beginne chronologisch, mit dem was gestern war und hoffe in dem Stil erzählerisch nicht in Chaos abzurutschen. Gestern war es noch entspannt.

17.12.2012, 23:00 (Text von gestern): Die Nächte hier sind unglaublich kalt. Das AMC (Aleppo Media Center) aehnelt eher einem runtergerocktem Squat als einem Hotel – aber es ist sicherlich noch eine der besseren Unterkuenfte, in einer Stadt die in Teilen in Trümmern liegt und immernoch stark umkaempft ist. Die Fenster haben wir bei uns mit Duck-Tape geflickt, damit es zumindest keinen Durchzug gibt.

Nachdem wir gestern noch lange wach waren, entschied ich mich heute Victor und Peter anzuschliessen (dem Fotografen Victor Breiner & dem Schreiber Peter Steinbach, die ich auf der Hinreise kennen gelernt hatte). Peter hat ein paar konkrete Stories denen er nach gehen wollte, bevor er morgen zu seiner Familie nach Hause fliegt. Eine gute Gelegenheit mich an ihre Fersen zu heften und einen ersten Eindruck der Stadt zu bekommen.

Wir sitzen noch im grossen Buero des AMCs und warten auf Said, der heute unser Fahrer und Fixer sein wird (Fixer, Urbn.Dict: “The man or woman who knows where to get items of dubious legal status”, hier sind damit wohl eher Connections zu Einheiten der FSA etc gemeint). Wir sind für 8 Uhr verabredet. Wir alle sind totmüde und durchgefroren, nirgends gehen die Heizungen und auch der Strom für die Herdplatte für einen Tee funktioniert (bis zu Saids verspäteten Auftauchen um halb 10) nicht.

Die Nacht über hat es geregnet. Wir checken verschlafen die internationale Presse und lesen erstaunt, dass kurz nach unserem Grenzübertritt die Stadt Azaz nahe der türkischen Grenze bombadiert wurde. Das hatte eine Massenflucht von 500 Syrern aus dem (gestern erwähnten) Flüchtlingslager in die Türkei zur Folge. Glück, denn das muss kurz nach unserer Durchreise passiert sein. Auch wurde ein Flüchtlingscamp bei Damascus bombadiert und der Uno-Sicherheitsrat ist not amused. Kein Wunder dass sich die Leute hier mehr und mehr den Islamisten anschliessen und wütend auf den Westen sind. Von den 20 auf die Stadt verteilten Brigaden der FSA (mit all ihren unzähligen Einheiten) sind 4 extrem-islamistisch und weitere “nur” gemässigt. Wir dürfen uns alle auf die Machtkämpfe nach dem Fall des Assad-Regimes freuen.

Unsere Fahrt war gestern Abend angemeldet, trotzdem sind wir auf einmal zu viele Leute für das Auto des AMC. Kurzerhand wird ein Taxi hinzubestellt und wir teilen uns auf. An einer nahegelegenen Unterkunft für Jornalisten steigen noch Patrick und Jason dazu (Patrick (AUS) fotografiert für Laif und Jason Eskenazi (US) arbeitet mit seiner Analog-Kamera an einem Buch wie er sagt). Erster Stop: eine kurdische Kampf-Einheit an der innerstädtischen Frontlinie bei Karm al-Jabal. Peter will den Commander interviewen.

Wir fahren durch die nassen und diesigen Straßen. “Das Wetter verspricht zumindest keine Luftangriffe”, kommentiert Rossi. Ich schaue mir während der Fahrt das Treiben draußen an und frage Said ob es gefährlich wäre dort jetzt alleine rumzulaufen und zu fotografieren. Er verneint und sagt, dass das von der FSA kontrollierte Gebiet überall sicher sei. Es geht weiter, vorbei an dem zerbombten Krankenhaus Dar Alshifa´a, und war es gerad noch geschäftig, lichtet sich der Verkehr und auch die verstaubten Stände und Menschen werden weniger. Vor uns taucht quer eine Hochstraße auf, die wie es scheint die Stadt zerteilt. Alles sieht auf einmal anders aus – hier sind alle Häuser zerschossen und verkohlt und Markiesen hängen in Fetzen von den Balkonen. Die Straßen sind nun menschenleer. Wir fahren im Zickzack um Schutt und ausgebrannte Autowracks. “Gefährlich”, sagt Said, meine Frage von vorhin aufnehmend, “wird es wenn du an solchen leeren Straßen kommst”. Weiter vorne versperrt uns ein großer, organgener Müllwagen den Weg – kurz davor biegen wir nach links in eine Sackgasse in den anderen Teil der Stadt ein. Hier sitzen bewaffnete Rebellen und wir steigen aus. Wir sind angemeldet, manche kennen sich bereits und alle begrüßen sich freudig. Die Kämpfer machen uns ihre Gartenstühle vor einem kleinen offenen Feuer frei und bitten uns uns zu setzen. Es wird gefunkt.

Ich bewege mich etwas und schlendere auf den Müllwagen zu. Vielleicht ein gutes Foto? Ich bin sowieso schwer beeindruckt von der Szenerie und muss noch etwas wirken lassen bevor ich fotografieren kann. “Komm sofort zurück,” ruft Peter, “Da vorne wirst du erschossen”. Gut, dass mir das einer sagt. Ich mag Peter sowieso und beschließe, vorsichtiger zu sein. Die Anderen quatschen mit den Rebellen und warten auf den, der uns dann zu seiner Einheit und Commander an die Frontlinie bringt. Das war auch angefragt, aber ob es dann wirklich klappt, entscheidet die Situation und ob es grade Gefechte gibt.

Aber unser Guide kommt und auch er freut sich uns zu sehen. Er geht vor, entlang der Straße, auf der wir gekommen waren (und auf der ich aufpassen sollte), dann nach rechts, tiefer in die Trümmerstadt. Wir werden angewiesen in einer Linie zu laufen. Keine Ahnung, was uns erwartet und für einen Ausflug an die Front sind wir eigentlich auch zu viele. Die Straßen sind jetzt so voller Schutt, das hier keine Autos mehr fahren koennen. Kaum vorzustellen was hier los war; das müssen monatelange, extrem harte Gefechte gewesen sein. Straßenkampf, Haus um Haus. Wir biegen um ein paar Ecken, vorbei an zerbombten Minaretten, dann unverhofft in eine Wohnung. Die zerstörte Einrichtung liegt überall verteilt – schöne, goldverzierte Sessel, Kleidung, Bilder, Spielzeuug, Regale mit großen, glänzenden Vasen. Aus der Richtung in die wir uns bewegen kommen immer wieder vereinzelte Schüsse. Wir laufen jetzt von Wohnung zu Wohnung, immer durch kleine, in die Wände geschlagene Löcher. Es ist komisch, so leicht und schnell durch die verlassenen und zertrümmerten alten Wohnzimmer von den vielen, hier vor schon so langer Zeit mal lebenden, Familien zu laufen. Wir durchkreuzen kleine begrünte Höfe. Es geht hoch und runter, immer wieder durch kleine Löcher in den Wänden – das Ganze ist ein Labyrinth.

Wir kommen schließlich an, unser Guide ruft ein “Allahu akbar” und steuert auf ein Treppenhaus zu. Von oben kommen Rufe und wir werden von circa 10 weiteren Kämpfern empfangen. Keiner, so sieht es aus, ist älter als 25 Jahre. Sie freuen sich uns zu sehen. Dann kommt der Commander, ein circa 40jähriger Mann. Er ist sehr freundlich und bittet uns mit ruhiger Stimme uns zu setzen. Wir sitzen im Treppenhaus, manche auf Stühlen, manche auf den Treppenstufen, in der Mitte ein warmer Ofen. Peter beginnt sein Interview.

Ich freunde mich mit Abu Dara an, was nicht sein richtiger Name sei, wie er mir verrät. Dara, so erklärt er mir, war ein kurdischer König. Er ist 22 Jahre alt und führt mich in ein kleines aber helles Nebenzimmer. Er bedeutet mir mich zurück zuhalten und schleicht zu den glaslosen Fenstern. Er lehnt seine AK an die Wand und greift nach einem eckigen, länglichen Gegenstand. Er lehnt sich nah ans Fenster und hebt den Gegenstand ans Auge. Er blickt konzentriert hindurch und ich begreife dass es ein selbstgebautes Periskop ist. Ich mache ein paar Fotos, dann reicht er mir das Guck-Ding. Ich gehe ans Fenster und schaue durch das Rohr. Er erklärt mir, was ich sehe: ein Haus, keine 15 Meter am Kopf der Gasse, mit einem Fenster und einem kleinem Loch in der Etage darunter. Das Loch ist von innen mit Brettern verrammelt, aber eine kleine Ecke gibt Sicht in ein dunkles Innere. Da sitzt der Scharfschütze, meint Abu Dara. Ich beobachte das Loch konzentriert, sehe aber nichts. Ich bin etwas kurzsichtig.

Dann fragt Abu Dara mich ob es möglich sei in Deutschland Musik zu studieren. Ich bin fassungslos – wir stehen hier in der Kälte in den Scherben, keine 2 Meter neben der unsichtbaren Todes-Schusslinie eines Assad-Scharfschützen, und er fragt mich nach einem Musik-Studium in Deutschland. Ich ueberlege, aber mir fällt nichts ein. Ich sage, dass dies schwierig sein koennte und frage, was er für ein Instrument spielt. Wir quatschen noch ein bisschen. “Say hello to Germany for me”, sagt er (was ich hiermit tue), und “I hate Syria. Some People of us rather want to die”.

Wir gehen zurück ins Treppenhaus und hören dem restlichen Interview zu. Peter fragt, Said übersetzt und der kurdische Commander antwortet ausführlich und ruhig. Dara pfeift neben mir etwas schief und fragt flüsternd ob ich die 5te Symphonie kenne. Hätte ich fast erkannt. Nach knapp einer halben Stunde verabschieden wir uns und ich bin fast gerührt Abu Dara wieder allein mit seiner Einheit in den Trümmern, so weit von einem Musik-Studium wie es nur irgend geht zurück zu lassen. Die gleichen Schleichwege zurück, durch all die kleinen Wohnungen. Der Hauptmann begleitet uns und posiert noch kurz für Fotos vor einem ausgebrannten Volkswagen.

Unser nächster Stop ist das neue Gerichtsgebäude in Saef Al Daura. Das Viertel ist härter umkämpft und Assad-Truppen hatten vor einer Woche versucht mit drei Panzern durchzubrechen, es aber glücklicherweise nicht geschafft. Gleich hier liegt eine weitere improvisierte Unterkunft für Journalisten. Patrick und Jason haben hier ihr Lager und während Peter und Victor für ihre Story mit selbsternannten Richtern über ihre Vorstellung von Gesetzen reden, bleibe ich in einer zum Wohnzimmer umgebauten Garage, in der ein Ofen brennt und trinke mit der dort stationierten FSA-Einheit Tee. Patrick kennt hier scheinbar jeden. Ich unterhalte mich mit Jason (Esekenazi) und googel ihn später – seine Bilder gefallen mir sehr. Wir bekommen etwas zu essen. Patrick berichtet von dem Panzerangriff Assads und erzählt davon wie es ist, bei Gefechten an der Front zu sein. Er will seine Bilder aber nicht veröffentlichen, weil er nicht als Kriegsfotograf verstanden werden will. Ihm wurde damals gesagt, dass wenn die Panzer durch sind, er circa eine Stunde hätte zu verschwinden, bis die Soldaten nachgerückt sind. Jetzt wird Patrick schlecht von dem Essen und hält sich den Bauch über seiner blauen Schutzweste. Kurze Zeit später geht er raus kotzen.

Interessanterweise lernen wir hier noch Abu Jassir kennen, einen Deutsch-Syrer, der, nachdem er gesehen hat was in seiner alten Heimat los ist, von Stuttgart nach Aleppo zum kämpfen gefahren ist. Er ist 36 und lässt seine Frau und ein 6 Monate altes Kind zu Hause in Deutschland. Er spricht ruhig und beantwortet geduldig alle Fragen. Er war auch an der Stürmung des Militärschule beteiligt wie er sagt, sowie 4–5 weiteren strategisch wichtigen Orten. Wir fragen ihn nach den erbeuteten Waffen und aus welchen Ländern sie stammen. (…) Es tut gut eine deutsche und so freundliche Stimme zu hoeren, besonders wenn sie noch so ermutigende Dinge sagt, z.B. dass sie sich zu jedem Kämpfer der eine Pistole oder ein Gewehr bekommt, die Seriennummern der Waffen notieren, damit es nach der Revolution keinen Stress gibt, die Waffen wieder einzusammeln. 3400 Kämpfer ständen bislang in der Kartei. Ich werde mich die nächsten Tage seiner Einheit anschließen und ein paar Tage an der Front bleiben. Sie stehen, wie er behauptet, kurz davor die Stadt einzunehmen. Rossi sagt, das gleiche hätte er vor einem Monat schon gehört.

Es ist mittlerweile dunkel geworden und wir (Rossi, Viktor und Peter) verabschieden uns von Abu Jassier und von Patrick & Jason (die morgen in die Türkei fahren und dann nach Hause zu fliegen) und fahren mit einem Taxi circa eine halbe Stunde zum AMC zurück. Wir sitzen an unseren Rechnern und gehen wieder erst spät auf unsere Zimmer. Wir unterhalten uns über Vakuum-Bomben der israelischen Armee und dass man wisse, dass man dort nicht getroffen wird, wenn man sich nicht gerade in einem Hamas-HQ befindet, oder über einem Waffenlager. Hier in Syrien kann man nie sicher sein nicht getroffen zu werden und es wird spekuliert, das die syrische Armee extra schlecht schiesst.

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Inside Syria: Letters from Aleppo (1)