The Asylum: Letters from Aleppo (3)

Just (hier auf Facebook), ein Fotograf aus Berlin, vor allem bekannt für seine Streetart-Dokumentationen, ist am Wochenende mit einem weiteren Fotografen über die Türkei nach Syrien gefahren und schickt mir immer wenn es passt Augenzeugenberichte und Eindrücke aus dem Bürgerkrieg. Ich werde die Texte hier (abgesehen von Tippfehlern und Umlauten) unverändert veröffentlichen, auf Flickr sammle ich die Bilder (unbearbeitete Screenshots), die mir der Mann zu seinen Berichten schickt (Teil 1: Inside Syria, Teil 2: „Say hello to Germany for me“), hier der dritte Teil:

18.12.2012, 18:00 (Text von jetzt): Es ist seit 2 Stunden dunkel draussen und wir sind nach einem neuen Tag wieder im AMC. Gerade mischt sich der Gesang eines Muezzin zwischen die wieder vermehrt einschlagenen Mörsergranaten.

Wir haben heute etwas länger geschlafen und befinden uns erst um halb 10 im Office. Hier treffen wir auf die uns schon bekannten Fernsehjournlaisten vom französischen TV5 und weitere junge Journalisten aus Spanien und den Staaten. Wie es scheint, reisen heute alle ab. Keiner blieb viel länger als für die von ihren Sendern oder Zeitungen bezahlten Stories. Ich lausche dem Krisenberichterstatter-Talk, der sich, jetzt schon mehrmals in den letzten Tagen, um die Level der Schutzplatten in unseren Westen dreht. Level-3 schützt nicht gut genug, aber Level-4 ist einfach zu schwer um sich damit noch gut bewegen zu können. Auch hier gibt es Kompromisse. Die Franzosen verhandeln ihre letzte Fahrt mit ihrem Fahrer, der eigentlich nicht will, weil die gewünschte Stelle zu gefährlich ist, dann aber mit ein paar hundert Dollern überredet wird. Spesen.

Rossi und ich trennen uns. Er will eine ausführliche Story mit Abu Jassir machen und steigt zu den Franzosen ins Auto. Ich steige mit zu Peter und Victor, die vor ihrer Abreise um 13 Uhr noch schnell einen Friedhof besuchen möchten. Wir fahren nicht weit und als wir ankommen findet gerade eine Beerdingung statt. Es regnet und der rote Matsch klebt in dicken Klumpen an meinen sowieso durchnässten Turnschuhen. Einige der etwa 40 Männer schauen uns aus der Entfernung an und kommen interessiert zu uns herüber. Es herrscht eine bedrückende Stimmung und jetzt wird rote schwere Erde von 3 Friedhofsangestellen in die beiden Löcher geschaufelt. In nur 2 Minuten sind die Löcher zu. Die Gesellschaft geht zu ihren Autos und verschindet. Keine 5 Minuten später kommen wieder ein paar Autos, die für mich (inklusive den aussteigenen Männern) total identisch aussehen. Die Friedhofsangestellten, die als einzige Gummistiefel tragen, schaufeln zwei neue Löcher. Am Tag werden hier 15 – 20 Leichen vergraben, dabei ist es egal, ob sie von der FSA sind oder vom Assad-Regime. Zumindest hier sind alle gleich. Peter hat seine Infos, die wohl nicht für eine Story reichen. Irgendein Detail hat nicht gestimmt. Ich habe nichts fotografiert.

Wir haben noch Zeit und lassen uns in die Altstadt Richtung Zitadelle bringen (Wikipedia: “eine der ältesten und größten Festungen der Welt. Frühste Siedlungsspuren führen bis in die Mitte des dritten Jahrtausends vor Christus zurück. (…) Seit 1986 ist die Zitadelle, die die Altstadt dominiert, Teil des UNESCO-Welterbes. Sie ist eine Touristenattraktion”). Die Straßen sind leer hier und ich denke an meine Lehre von gestern. Der Taxifahrer bestätigt die Gefahr und redet von Snipern die 5 Kilometer weit schiessen können. Als einziges Auto fahren wir eine Straße runter. Da oben erscheinen die Spitzen der Burg auf dem Hügel, die hartnäckig von Assad gehalten wird. Von dort oben wird die halbe Stadt überblickt.

Wir fahren auf ein großes Tor in einer Hausserreihe zu und steigen schnell aus. Am Tor empfangen uns FSA-Kämpfer die um ein Feuer stehen und unseren Taxi-Fahrer kennen. Nach dem Tor führt eine lange gebogene Gasse in die Altsdtat. Nach ein paar Metern treffen wir einen Mann, der einen Wagen belädt und uns vom Tod seines Bruder berichtet. Er sei gestern in diesem Auto gestorben. Er setzt sich ans Steuer und zeigt mir das Einschussloch, welches klein und rund, frontal durch die A-Säule des Wagens ins innere zeigt. Ich mache ein Foto. Auf dem Boden liegen nasse Tücher. Blut wäscht sich in einem Rinnsal die Gasse runter. Wir unterhalten uns kurz und gehen weiter.

Mehrere ältere Männer nehmen uns in Empfang und führen uns die Gasse durch einen grossen Tunnel und an eine kleine Kreuzung. Wir sind jetzt ganz nah an dem Hügel unter der Zitadelle und die Anderen bleiben zurück. Die Männer zerren mich noch ein bisschen weiter und zeigen auf die gegenüberliegene Wand, welche mit dutzenden Einschusslöschern gesäumt ist. Das Sichtfeld eines Snipers von der Zitadelle oben. Sie zerren mich weiter, schnell quer über die Gasse, vorbei an den Einschusslöchern und durch eine Holztür in einen Hof. Sie quatschen die ganze Zeit arabisch und ich verstehe kein Wort. Sie deuten gen Himmel, auf ein zerbombtes Minarett. Die Assad-Soldaten zerbomben jeden Turm der sich im Gebiet der Rebellen befindet – weil sie die besten Scharfschützenplätze sind. Die FSA würde so etwas nie tun, wird mir übersetzt. Sie begleiten mich zurück und wir fahren zum AMC, damit Viktor und Peter ihr Taxi zur türkischen Grenze bekommen. Ich freue mich sehr, Peter kennengelernt zu haben.

Nach all dem Trouble vom Morgen stehe ich jetzt allein im Office. Keine Journalisten mehr da und auch Rossi ist noch unterwegs. Ich wende mich an Mahmoud, der zweiten Kontaktperson für englisch-sprachige Presse hier im AMC. Es gibt zur Zeit nur zwei Fahrer und nur ein Auto, weswegen die Bewegungsfreiheit etwas eingeschränkt ist. Mahmoud ist sehr freundlich (andere warfen ihm Geschäftemacherei vor, aber er sagt, dass er die Arbeit hier freiwillig macht und das Geld, welches er von den Presse-Leuten nimmt, komplett ins AMC fliesst. Gehälter zahlt sich hier keiner aus). Er sagt, dass er gleich eine Journalisten für eine Story in die hiesige Psychiatrie fahren wird und fragt, ob ich mit will. Danach könnten wir hin, wohin ich will und generell hätte er die nächsten Tage mehr Zeit für mich, da die Franzosen und Peter weg sind. Wir steigen in den Wagen und fahren los.

Eigentlich will ich hier mal allein durch die Straßen und ein paar Bilder vom Leben, wie es sich jetzt organisiert, machen. Den Menschen, den improvisierten Tankstellen, den kleinen Zigaretten- und Obständen, dem Schutt und dem Müll auf den Straßen und all den unzähligen Dingen, die sich noch ergeben. Ich will auch ein paar Bilder von zerbombten Häusern und generell von allem. Ich bin zum ersten mal in Aleppo und zum ersten mal in einem Krisengebiet. Meine Story sind alle Eindrücke und Erfahrungen, die ich kriegen kann. Aber neben dem habe ich mir tatsächlich noch ein paar Geschichten überlegt und recherchiere später deren Umsetzung.

Wir fahren durch die Stadt und ich filme die Fahrt mit meinem Handy. Ich frage Mahmoud nochmal, ob es sicher wäre, hier jetzt auszusteigen und zu fotografieren und entgegen der Aussage von Said rät er mir entschieden davon ab. Irgendwann steigt eine Claire (US) dazu, die extra kurz aus Kilis gekommen ist, und wir fahren zur Psychiatrie nahe der Frontlinie irgendwo in der Altstadt. Ich habe, wie so oft, keine Ahnung was mich erwartet. Die Straßen sind leer und eng und einmal fragt Mahmoud zwei Kinder nach dem Weg. Angekommen stoßen noch die Spanier von heute morgen hinzu. Wir werden von einem Abdu begrüsst der uns ins Haus bittet.

Das Innere des Hauses besteht aus einem spitzen, dreieckigem Innenhof mit hellen Kachelboden. An allen Seiten und hoch bis in die dritte Etage sind offenstehende Zimmer. Es regnet in die Mitte des Hofs und es gibt keine Einrichtungsgegenstände, oder Pflanzen, oder sonst irgendetwas. Aus den Zimmern treten neugierig ein paar meist barfüßige Menschen. Alle schleichen oder tapsen und aus einem Zimmer kommt ein immer gleiches, singendes Schreien, was bis zu unserer Abfahrt nicht verstummen wird. Ich werde jetzt nicht weiter das Verhalten der Patienten beschreiben, aber wenn ich mir die Patienten einer Bilderbuch-Psychiatrie vorstellte, übertraf das Szenario meine Vorstellungen bei weitem.

Abdu bittet uns zu fotografieren, was ich tue, soweit ich den einzelnen Menschen entnehmen kann, dass sie damit einverstanden sind. Ich befrage Abdu ein wenig, der erzählt, dass bei Ausbruch des Aufstandes alle Ärzte und Schwestern diesen Ort verlassen hätten. Auch haben die Patienten keine Verwandschaft mehr, die sich in irgendeiner Weise kümmern würden. Ich frage ob es Medizin gibt und er scheint mich nicht ernst zu nehmen, aber er verneint – natürlich gibt es die nicht.

Neben Abdu gibt es noch 2 weitere Anwohner, die sich um die Leute hier kümmern. Ehrenamtlich, weil sie diesen Ort verlassen vorgefunden hätten und nach eigener Aussage nicht anders konnten als sich um die Menschen hier zu kümmern. Keiner von ihnen hat eine medizinische Ausbildung. Ich schaue mich noch ein bisschen um und gucke in die einzelnen, kargen Räume. Auch hier gibt es weder Einrichtung, keine Bücher, Pflanzen, Spiele oder keine Ahnung was ich von einem Ort wie diesem erwarten würde. Nur Betten und zerschlissene, kratzige Bettdecken. Alles sieht aus wie eine Kulisse, die so grausam gestaltet wurde, das sie definitiv in keinen Film mehr passen würde.

Ich stolpere in einen etwas grösseren Raum und erschrecke – in der hinteren Hälfte des Zimmers ist ein Bettenlager, in dem 15 Menschen zusammengekauert in meine Richtung blicken. Es stinkt bestialisch nach etwas das ich nicht einordnen kann, würde aber behaupten das hier irgendetwas verwest. Jemand macht laute Geräusche. Dieser Ort ist so surreal. Ich stolpere wieder nach draussen und höre mich selbst laut und tief durch den Mund atmen. Mir ist ein bisschen schwindelig und ich stehe neben mir. Dieser schlimme Ort, in dieser zerbombten und komplett unsicheren Stadt, mit seinen verlorenen und komplett verstörten Bewohnern, ist das Schlimmste, was ich in meinem Leben gesehen habe! Auf 18 Räume kommen hier 60 Bewohner. Jetzt im nachhinein fällt mir auf, dass es dort keine Frauen gab, ich hätte danach fragen sollen… aber Kinder gab es. Abdu sagt, dass die meisten Patienten schon vor dem Krieg hier gewesen seien, aber auch ein paar vom Krieg traumatisierte hier sind.

Jetzt ist fast 10 und ich bin müde und muss sicherlich noch eine Stunde mit dem Netz kämpfen um dir ein paar kleine Bilder zu schicken. An die lauten Mörser-Einschläge habe ich mich gewöhnt. Ich habe das Gefühl, hier keine Zeit zu haben, irgenetwas zu verarbeiten. Ich weiss nicht, ob das gut oder schlecht ist.

Mal sehen was morgen passiert. Der nächste Bericht wird etwas magerer ausfallen.

Alles Gute aus Aleppo,
Just.

Vorher auf Nerdcore:
Inside Syria: Letters from Aleppo (1)
„Say hello to Germany for me“: Letters from Aleppo (2)