#Aufschrei

Wie wahrscheinlich alle lese ich seit gestern die Trillarden Tweets unter dem Hashtag #Aufschrei, in denen Frauen mittlerweile aus der ganzen Welt ihre unterschiedlichsten Erfahrungen mit Alltagssexismus öffentlich machen (mittlerweile tummeln sich unter diesem Hashtag fast nur noch Trolle und Spammer). Ich bin da vor allem einigermaßen baff und auch entsetzt, was da für Storys zutage treten, wenn ich lesen muss, dass heute noch Frauen ihr ganzes Leben danach ausrichten, nicht belästigt zu werden oder aber auch hin und wieder muss ich mit dem Kopf schütteln, wenn etwa eine Dame einem Herrn ins Auto spuckt, weil er gepfiffen hat. Und so schwanke ich hin und her, bin ratlos und manchmal ambivalent, aber prinzipiell finde ich die Idee des #Aufschreis gut und dass er einen Nerv traf, ist unübersehbar. Auch unübersehbar: Der Kampagnenjournalismus. Selbstverständlich nehmen die Mainstreammedien das Mem und die Bewegung dankbar auf, weil damit Parteibashing und Schlagzeilen möglich sind. Nur darum geht es ihnen, allen voran spOn. Aber das nur am Rande.

Nun bin ich wahrlich nicht der größte Feminist auf der Welt. Ich mag die Idee, ich stehe auf Menschenrechte und damit natürlich auch die der Damen, ich bin wohl im Allgemeinen das, was Deppen immer als „Gutmensch“ bezeichnen, ich mag Political Correctness und all den Kram. Und ich bin freilich auch ein Mann, der sich das Thema aus einer ziemlich heftig hetero-normativen Weltsicht heraus ansieht. Und ich denke ziemlich oft, dass mir das Thema zu kompliziert ist. Weil, wie kann ich prinzipiell hinter der Idee des Feminismus stehen, dann aber mein Tumblr manchmal mit halb nackten oder ganz nackten Damen vollkleben und Sasha Grey gutfinden, aus offensichtlichen Gründen? Kann ich diese feine Grenze zwischen Machtspielchen im Flirt und auch im Bett beschreiben? Geht das überhaupt? (Nope.) Ist der komplette Themenkomplex nicht auch zu individuell und von Mann zu Mann und Frau zu Frau unterschiedlich, weil’s ja jeder anders braucht? (Yep.) Und kann unter diesen Vorraussetzungen überhaupt eine gesunde Debatte stattfinden? (Yep.)

#Aufschrei ist und war ungeheuer wichtig, um das Ausmaß des Alltagssexismus aufzuzeigen, tatsächlich zu quantifizieren, in einer Form messbar zu machen, die so vorher wahrscheinlich auch noch nicht möglich war (ich wünsche mir übrigens eine Datenvisualisierung des Mems – kann das irgendjemand machen?) Tatsächlich schwappte das mem gestern einmal quer über ganz Deutschland, dann wurde es übersetzt und ging als #outcry nochmal um die Welt. Zugegeben: Ein nicht geringer der „internationalen“ Beiträge sind Tweets aus Deutschland, die sich darüber freuen, dass #Aufschrei nun international geworden sei – sei’s drum.

Worum es mir eigentlich geht: Seit gestern sitze ich einigermaßen ratlos vor den ganzen Tweets. Ratlos, weil mir das Ausmaß des Alltagssexismus nicht bewusst war und auch bestürzt über das Ausmaß tatsächlich gewalttätiger Übergriffe, die anscheinend ebenfalls alltäglich für viele Frauen sind. Auch bin ich ratlos, weil ich als heteronormierter Mann mit nicht-feministischer Historie bei manchen Storys auch oft mit dem Kopf schütteln muss ob der Aggressivität, mit der manche Frauen in ihrem Feminismus vorgehen bei Dingen, die ich noch absolut als im Rahmen des Spielerischen verorten würde. Ratlos und verunsichert weiß ich dann nicht mehr weiter – und dann denke ich sehr oft, dass Thema wäre mir zu kompliziert. Ist es aber gar nicht.

Grade habe ich einen sehr klugen Text zum Thema gelesen, von einer Dame die den Feminismus eine Weile ebenfalls eher aus einer gewissen Distanz betrachtete und zu dem Schluß kam: Es geht nicht um mich.

Ich selbst habe diese Formen der Frauenfeindlichkeit so gut wie nie erlebt. Mich lässt man auf der Straße in Ruhe, im Beruf traf ich bislang auf noch nichts Schlimmeres als gedankenlose Verwunderung, dass ich ranghöher als eine Sekretärin bin.

Doch, und das ist essenziell: Dass bedeutet weder, dass es diese Frauenfeindlichkeit gar nicht gibt, noch dass die Frauen, die damit Probleme haben, selbst daran schuld sind. Es geht nicht um mich.

Die Erlebnisse, die unter #Aufschrei auf Twitter auftauchen (viele zum ersten Mal überhaupt berichtet), belegen die Omnipräsenz dieser Unterdrückung im Alltag – besonders infam, da sie mit Scham-besetztem Verschweigen verbunden ist. Auch mir war nicht klar, wie stark manche Frauen ihr Auftreten in der Öffentlichkeit, wenn nicht sogar praktisch ihr ganzes Leben darauf ausrichten, Angriffe und Belästigungen zu vermeiden. Dass darunter zwei Frauen sind, die mir sehr am Herzen liegen und bei denen ich das nicht mal ahnte, schmerzt mich besonders. […]

Das ist ein erster wichtiger Schritt, den diese Veröffentlichung auf Twitter darstellt: Sichtbar machen, nicht mehr darüber hinweggehen, weil man sich als Opfer schämt, sondern aushalten, die humorlose Spaßbremse zu sein.

Ratlos bin ich nach wie vor, aber #Aufschrei hat mir zwei Dinge gelehrt: 1.) Ich gehe jetzt mit offeneren Augen durch die Welt und 2.) Ich weiß, auf welcher Seite ich stehe.